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Om Namah Shivaya

Die heilige Stadt Varanasi kann ich heute nicht verlassen, ohne die Götter zu erwähnen. Sie verfolgen einen auf Schritt und Tritt. In den Tempeln wuselt es permanent von Menschen und an jeder Ecke, noch im kleinsten Hauseingang, wird alles was man für jegliche Art der Zeremonie braucht, verkauft.

Für den Einstieg reicht es zu wissen, dass Shiva der wichtigste ist. Denn er soll der Legende nach die Stadt erschaffen und später die Welt sozusagen drumherum gebaut haben. Jeden Montag ist deshalb Shiva Day, an dem ihm besonders gehuldigt wird. Doch geht jeder Hindu hier jeden Morgen in einen Tempel, mitunter auch in mehrere, wie ich gestern auch nochmal bei Dilip und Dil erfragt habe.

Neben Shiva scheint die Vielfalt der Götter und ihrer Namen endlos, zumal sie alle auch Frauen haben, die ihrerseits auch wechselnde Namen haben. Am besten lässt man sich einfach mit treiben und nimmt die Stimmung auf, wie wir es gestern Abend getan haben. Und ja: genauso wenig konnte ich hier los, ohne einmal mit den Füßen im heiligen Ganges gewesen zu sein, braune Brühe hin oder her!

Heute Mittag nun verlasse ich den Norden und mache mich auf nach Kerala im Süden Indiens.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Sitzen und schwitzen

Wenn man nach einer weiteren durchschwitzten Nacht morgens um 4.15h im Schein einer Taschenlampe unter einem Wasserhahn hockt und plötzlich auch kein Wasser mehr kommt, fragt man sich unweigerlich doch, wann man die richtige Abzweigung verpasst hat.

10 Tage unter einfachsten Bedingungen in völliger Abgeschiedenheit sein und schweigen, 10 Stunden am Tag sitzend auf dem Boden verbringen: das heißt zu dieser Jahreszeit zuallererst einmal 100 Stunden Sitzen und Schwitzen. Und natürlich sind Temperatur und Luftfeuchtigkeit in der restlichen Zeit auch nicht erträglicher. Warum also hält man das durch und aus? Von den 16 Männern und acht Frauen (davon vier foreigners) gibt nur einer auf. Es ist schon erstaunlich, woran Menschen sich anpassen können und was ein starker Wille zu erreichen vermag. Ich habe gelitten, der Schweiß lief nur so an mir runter, nach vier Tagen fand auch ich als Yogi auf dem Kissen keine Position mehr, in der Rücken und Beine es irgendwie länger aushalten konnten, ich habe gezweifelt, wollte am 5. Tag aufgeben und dennoch bin ich dort geblieben. Dazu haben wieder einmal Menschen beigetragen, die ich dort kennengelernt habe.

Benjamin ist Schweizer und wir trafen uns bei der Registrierung. Danach haben wir nicht mehr sprechen können – zusätzlich sind Männer und Frauen dort auch getrennt untergebracht und können sich nur in der Dhamma Hall kurz beim Meditieren sehen. Dort haben wir aber hin und wieder ein kleines unauffälliges, aufmunterndes Nicken austauschen können.
Und Nr. 6 natürlich! Sie war meine Zellennachbarin – ich hatte die 7 – und bis wir Mittel und Wege fanden uns, auszutauschen, war sie für mich wie alle anderen Frauen auch nur eine Nummer. Am 6. Tag fand ich dann heraus, dass sie Manasi heißt und ab da haben wir die wenigen Gelegenheiten, die sich uns boten, genutzt, um uns gegenseitig bei der Stange zu halten. Ohne diese verbotene Kommunikation hätte ich vielleicht tatsächlich aufgegeben.

Was die eigentlichen Meditationen betrifft, erzähle ich gerne jedem persönlich mehr davon. Meine Erfahrungen und Erlebnissne in dieser Zeit könnte ich hier nicht annähernd angemessen wiedergeben.

Das schönste Erlebnis aber war mein gestriger Geburtstag, denn ab 10h war das Noble silence-Gebot aufgehoben und es herrschte eine unglaublich schöne Stimmung, obwohl wir natürlich weiter den täglichen Zeitplan einhalten mussten. Wir haben uns alle gegenseitig vorgestellt, alle gratulierten mir, Manasi fungierte mit ihrem perfekten Englisch als Übersetzerin, denn die meisten sprachen doch nur Hindi und alle strahlten um die Wette. Wie großartig war es, wieder zu reden und sich auch offiziell wieder austauschen zu dürfen! Diese Herzlichkeit und dass ich, auch durch Manasi, dazu gehörte, werde ich nicht vergessen.

Heute morgen dann zurück ins pralle Leben. Zu viert fahren wir zurück nach Varanasi. Ich muss mich von Manasi verabschieden, auch von der 23-jährigen Uttama, die mich gestern noch zu ihrer Hochzeit eingeladen hat. die steht zwar noch nicht fest, aber ich müsse dann einfach kommen.
Benjamin und ich trinken erstmal einen Kaffee auf der Dachterrasse vom Ganpati, wie uns der schmeckt! Wir werden uns später nochmal treffen und meinen Geburtstag ein wenig nachfeiern. Bis dahin sitze ich nach einer herrlich ausgiebigen Dusche auf meinem privaten Balkon mit Ganga View und mein treuer Freund Dil hat mir gerade einen Mango Lassi serviert. Fühle mich königlich!

PS: Danke für alle Eure lieben Geburtstagswünsche und – gedanken, die mich auf dem ein oder anderen Weg erreicht haben.

Zwei, die's geschafft haben!

Zwei, die’s geschafft haben!

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God is one – Nirwana für alle

Nach 13,5 Stunden im Marudhar Express komme ich ziemlich fertig in Varanasi an. An Schlaf war eher weniger zu denken, denn die ganze Nacht steigen immer wieder Menschen ein und aus und um 3h war in meinem Abteil Alarm angesagt, denn die über und neben mir schlafende indische Familie stieg mit ungefähr 20 Gepäckstücken lautstark aus. Und da der Wagen überwiegend mit Männern besetzt war: egal, wo auf der Welt, das verlässlichste ist, dass Männer schnarchen!

Varanasi! Heiligste der heiligen Hindustädte und eine der ältesten Städte der Welt, toppt alles, was ich bisher gesehen habe. Unvorstellbar der Auftrieb, der Gestank, die Hitze. Der Ganges führt soviel Wasser, wie schon seit acht Jahren nicht mehr und so findet alles, was sich sonst am Fluss abspielt in den ohnehin schon mehr als engen Altstadtgassen statt. Der Weg zu meinem Guesthouse mittendrin ist nach der langen Fahrt und auf meinen leeren Magen nicht ohne und so brauche ich erstmal ein paar Stunden Ruhe.

Doch selbst danach fordert die Führung mit Dilip zu den Verbrennungsstätten meine ganze Energie, denn an frische Luft ist nicht zu denken. Er führt mich zum Manikarnika Ghat, dem bedeutendsten Ort für die Totenverbrennung. Ein Brahmane, also jemand aus der höchsten Kaste, erklärt mir die ganze Zeremonie. Während wir dort stehen, werden mehrere Tote, eingewickelt in die schönsten Saris und Tücher an uns vorbeigetragen. Das Schichten des Holzes ist eine spezielle Kunst, die Menge hängt natürlich von der Größe des Körpers ab. Zwischen 150 und 250 Tote werden hier täglich verbrannt. Für einen Hindu ist die Verbrennung am Ganges in Varanasi das höchste, denn von hier steigt seine Seele unmittelbar ins Nirwana, sozusagen ohne Umwege. Aber auch Menschen anderer Religionen lassen sich an diesem heiligen Ort verbrennen. „God is one“, sagt der Brahmane zu mir.
Direkt am Feuer sind übrigens nur Männer erlaubt, Frauen weinen zu leicht und das darf auf keinen Fall passieren, denn dann kann die Seele nicht ungehindert aufsteigen.

Ich bin noch immer in einer besonderen Stimmung, während ich dies schreibe. Trotz all der Fremdheit, trotz des Gedränges, der Lautstärke und meiner aufs Äusserste geforderten Sinne, haftete dem Ganzen auch etwas unvorstellbar friedliches an und die Worte des Brahmanen haben mich berührt. So werde ich heute hoffentlich auch friedlich schlafen. Gute Nacht.

Monsun-Hochwasser am Ganges

Monsun-Hochwasser am Ganges

Ankunft in Varanasi

Ankunft in Varanasi