Nach 13,5 Stunden im Marudhar Express komme ich ziemlich fertig in Varanasi an. An Schlaf war eher weniger zu denken, denn die ganze Nacht steigen immer wieder Menschen ein und aus und um 3h war in meinem Abteil Alarm angesagt, denn die über und neben mir schlafende indische Familie stieg mit ungefähr 20 Gepäckstücken lautstark aus. Und da der Wagen überwiegend mit Männern besetzt war: egal, wo auf der Welt, das verlässlichste ist, dass Männer schnarchen!
Varanasi! Heiligste der heiligen Hindustädte und eine der ältesten Städte der Welt, toppt alles, was ich bisher gesehen habe. Unvorstellbar der Auftrieb, der Gestank, die Hitze. Der Ganges führt soviel Wasser, wie schon seit acht Jahren nicht mehr und so findet alles, was sich sonst am Fluss abspielt in den ohnehin schon mehr als engen Altstadtgassen statt. Der Weg zu meinem Guesthouse mittendrin ist nach der langen Fahrt und auf meinen leeren Magen nicht ohne und so brauche ich erstmal ein paar Stunden Ruhe.
Doch selbst danach fordert die Führung mit Dilip zu den Verbrennungsstätten meine ganze Energie, denn an frische Luft ist nicht zu denken. Er führt mich zum Manikarnika Ghat, dem bedeutendsten Ort für die Totenverbrennung. Ein Brahmane, also jemand aus der höchsten Kaste, erklärt mir die ganze Zeremonie. Während wir dort stehen, werden mehrere Tote, eingewickelt in die schönsten Saris und Tücher an uns vorbeigetragen. Das Schichten des Holzes ist eine spezielle Kunst, die Menge hängt natürlich von der Größe des Körpers ab. Zwischen 150 und 250 Tote werden hier täglich verbrannt. Für einen Hindu ist die Verbrennung am Ganges in Varanasi das höchste, denn von hier steigt seine Seele unmittelbar ins Nirwana, sozusagen ohne Umwege. Aber auch Menschen anderer Religionen lassen sich an diesem heiligen Ort verbrennen. „God is one“, sagt der Brahmane zu mir.
Direkt am Feuer sind übrigens nur Männer erlaubt, Frauen weinen zu leicht und das darf auf keinen Fall passieren, denn dann kann die Seele nicht ungehindert aufsteigen.
Ich bin noch immer in einer besonderen Stimmung, während ich dies schreibe. Trotz all der Fremdheit, trotz des Gedränges, der Lautstärke und meiner aufs Äusserste geforderten Sinne, haftete dem Ganzen auch etwas unvorstellbar friedliches an und die Worte des Brahmanen haben mich berührt. So werde ich heute hoffentlich auch friedlich schlafen. Gute Nacht.

Monsun-Hochwasser am Ganges

Ankunft in Varanasi
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